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von Lisa Walgenbach©

Geschichte der Rechtschreibreform

Im Jahre 1980 gründeten 80 Mitglieder von verschiedenen bedeutenden orthographischen Forschungsgruppen aus der Bundesrepublik Deutschland, der DDR, Österreich und der Schweiz einen Arbeitskreis, um die Grundlagen der deutschen Rechtschreibung wissenschaftlich zu untersuchen. Obgleich ohne politisches Mandat aktiv und damit ohne Aussicht, jemals ihre Arbeitsergebnisse umsetzen zu können, präsentierte der Arbeitskreis 1985 der Öffentlichkeit einen ersten Vorschlag zu der aus seiner Sicht dringend erforderlichen Reformierung der deutschen Rechtschreibung. Politische Unterstützung erfuhr der Arbeitskreis 1986 als auf Einladung der österreichischen Bundesregierung in Wien die Vertreter der europäischen Länder mit deutschsprachiger Bevölkerung zusammenkamen, um die Möglichkeit der politischen Umsetzung dieses Neuregelungsvorschlages zu prüfen. Konkretes Ergebnis dieses sogenannten 1. Wiener Gespräches war, dass diejenigen Länder, die sich wie die Bundesrepublik für eine Reformierung der deutschen Rechtschreibung ausgesprochen hatten, nationale Expertengruppen einsetzten und diese nunmehr formell mit dem Auftrag betrauten, ein neues Regelwerk zu erarbeiten.

Auf europäischer Ebene wurde der „Internationale Arbeitskreis für Orthographie" gebildet, in dem die Vertreter der nationalen Expertengruppen die in ihren Ländern erarbeiteten Neuregelungsvorschläge zu Diskussion stellten. Dieser Arbeitskreis war es auch, der 1992 den in Deutschland, Österreich und der Schweiz für die Rechtschreibung zuständigen politischen Stellen einen ersten verbindlichen Vorschlag zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung unterbreitete.

Im Mai 1993 fand auf Einladung des Bundesinnenministeriums und der Kultusministerkonferenz in Bonn eine öffentliche Abhörung statt, an der sich 48 Vereine, Verbände und Institutionen beteiligten. Ähnliche Prüfvorgänge gab es auch in Österreich und der Schweiz. Die Mitglieder des „Internationales Arbeitskreises für Orthographie" haben die dort vorgetragenen Einwände und Bedenken untersucht und sie zusammen mit politischen Auflagen und Forderungen in das neue Regelwerk eingearbeitet.

Die so entstandene Fassung bildete die Grundlage für alle weiteren Beratungen – sei es auf Länder-, Bundes- oder zwischenstaatlicher Ebene. Die Details dieser Beratungen sollen hier nicht weiter beschrieben werden; man muss sich in diesem Zusammenhang vor Augen führen, dass die Rechtschreibreform nicht nur auf einer Vereinbarung beruht, die zwischen 16 deutschen Bundesländern, sondern zwischen acht europäischen Nationen getroffen wurde (Deutschland, Österreich, Schweiz, Italien, Liechtenstein, Belgien, Rumänien und Ungarn). Vergegenwärtigt man sich dies, wird deutlich, wie schwierig diese Beratungen verlaufen sein müssen – sowohl auf den verschiedenen Ebenen als auch zwischen den einzelnen Nationen.

So dauerte es noch einmal drei Jahre, bis der „Internationale Arbeitskreis für Orthographie" den mehrfach überarbeiteten Reformvorschlag mit dem Titel "Deutsche Rechtschreibung. Regel- und Wörterverzeichnis. Vorlage für die amtliche Regelung"

herausgab. Er bildete nach abermaligen Nachbesserungen die Grundlage für die „Gemeinsame Erklärung zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung", die am 1. Juli 1996 in Wien unterzeichnet wurde von den politischen Vertretern Deutschlands, Österreichs und der Schweiz sowie der oben genannten Länder, in denen Deutschsprachige Minderheitenrechte genießen.

 

Welche Auswirkungen hat die Rechtschreibreform auf unseren Alltag?

Die Neuregelung der deutschen Rechtschreibung ist bereits am 1. August 1998 in Kraft getreten und damit verbindlich für Schulen und Behörden. In einer Übergangszeit, die bis zum 31. Juli 2005 dauert, gelten die alten und die neuen Schreibweisen als gleichberechtigt; die bisherigen sind keineswegs falsch, wohl aber überholt und müssen im Schulunterricht als solche markiert und durch die neuen ergänzt werden. In rechtschreiblichen Zweifelsfällen gelten seither die Rechtschreibwörterbücher, die nach Aussagen ihrer Verlage das neue Regelwerk in seiner jeweils gültigen Fassung in vollem Umfang berücksichtigen.

Obwohl eine Übergangszeit von sieben Jahren vereinbart wurde, um die Rechtschreibreform Schritt für Schritt und damit ohne hohe Kosten umsetzen zu können, wird es ein Nebeneinander beider Regelungen für wichtige Praxisbereiche nicht geben. Es hat sich nämlich bereits gezeigt, dass sich die neuen Rechtschreibregeln schnell durchsetzen und inzwischen den Schulunterricht, die amtlichen Texte und die deutschen Tageszeitungen beherrschen.

So müssen seit dem 1. August 1998 alle Unterrichtsfächer in sämtlichen Schultypen auf der Grundlage des neuen Regelwerkes durchgeführt werden; von den hierzu erforderlichen 30 000 Schulbuchtiteln liegen bereits 26 000 in neuer Rechtschreibung vor.

Der Presse kommt bei der Umsetzung der Rechtschreibreform eine wichtige Rolle zu: Werden die Printmedien erst einmal nach den neuen Regeln verfasst, dringen sie in das Bewusstsein einer breiteren Bevölkerung – und ob sie dort zur Selbstverständlichkeit werden, bleibt abzuwarten. So hat die Hamburger Wochenzeitung „Die Woche" als erstes überregionales Organ der Bundesrepublik die Rechtschreibreform umgesetzt und ihre Weihnachts- und Neujahrsausgabe 1996 erstmals den neuen Regeln verfasst.

Da die Zeitungsleserinnen und -leser nunmehr in allen Bereichen des öffentlichen Lebens mit den neuen Schreibweisen konfrontiert werden und es nicht Aufgabe der deutschsprachigen Nachrichtenagenturen sein kann, die Rechtschreibreform zu beeinflussen oder zu verhindern, haben diese am 16. Dezember 1998 den Beschluss gefasst, die neuen Regeln der deutschen Rechtschreibung in einem Schritt und zeitgleich einzuführen, nämlich am 1. August 1999.

Ihr wichtigstes Ziel war nach eigenen Angaben, die Rechtschreibung auf der Grundlage des neuen Regelwerkes nicht nur einheitlich, sondern im Interesse ihrer gemeinsamen Kunden auch eindeutig festzulegen. Sie begründen diese Vorgehensweise damit, dass die eingesetzten Textverarbeitungsprogramme bei der Verwendung von Schreibvarianten in Ihren Suchfunktionen behindert würden. Zudem müssten Schreibweisen „mit einem Blick" optisch identifiziert und zugeordnet werden können (vgl. Internet:: www.dpa.de: Beschluss der deutschsprachigen Nachrichtenagenturen zur Umsetzung der Rechtschreibreform vom 16. Dezember 1998).

Die deutschsprachigen Nachrichtenagenturen haben daher immer dann, wenn das neue Regelwerk eine Kannbestimmung oder eine Schreibvariante aufweist, eine einheitliche sowie eindeutige Festlegung vorgenommen. Darüber hinaus haben sie beschlossen, folgende in der Öffentlichkeit umstrittene Neuregelungen nicht anzuwenden – eine nicht unproblematische Entscheidung (vgl. Internet: www.dpa.de: Beschluss der deutschsprachigen Nachrichtenagenturen vom 16. Dezember 1998):

In festen Fügungen aus Adjektiv und Substantiv wird das Adjektiv weiterhin großgeschrieben (Bsp. das Schwarze Brett, die Erste Hilfe)

Von Personennamen abgeleitete Adjektive auf –(i)sch folgen in ihrer Rechtschreibung der herkömmlichen Differenzierung (Bsp. das Ohmsche Gesetz, der ohmsche Widerstand)

Die vertraulichen Anredepronomina du und ihr werden ebenso wie die zugehörigen Possessivpronomen dein, euer usw. weiterhin großgeschrieben

Der Beschluss der deutschsprachigen Nachrichtenagenturen, die Rechtschreibreform am 1. August 1999 umzusetzen, hat inzwischen alle deutschen Tageszeitungen sowie einen Großteil der überregionalen Zeitschriften und Magazine dazu veranlasst, ihrerseits die neuen Regeln einzuführen. Und auch die Unternehmen der Privatwirtschaft, die Institutionen und Verbände verwenden in ihrem Schriftverkehr sowie in ihren Publikationen zunehmend die modifizierten Schreibungen.

 

Ziele, Umfang und Bedeutung der Rechtschreibreform

 

In der Öffentlichkeit sind auch zwanzig Monate nach In-Kraft-Treten der Rechtschreibreform noch viele sachlich falsche Informationen über die Rechtschreibreform im Umlauf, die zwangsläufig zu Fehleinschätzungen führen. Zudem haben die langwierigen rechtlichen Auseinandersetzungen und eine in weiten Teilen unsachlich geführte Diskussion über deren Sinn und Nutzen viele verunsichert. Die Erfahrung zeigt, dass es oftmals lediglich einiger Informationen über Geschichte, Umfang und Bedeutung der Rechtschreibrefom bedarf, um Berührungsängste abzubauen und zugleich die Bereitschaft zu erhöhen, sich sachlich mit deren Ergebnissen auseinander zu setzen.

 

Von der Sache her dürfte den Schreibenden die Umstellung auf die neue Rechtschreibung im Alltag keine allzu großen Probleme bereiten: Setzt man für die geschriebene Sprache einen standardsprachlichen Grundwortschatz von 15.000 Wörtern an, so ändern im Zuge der Reform 600 ihre Schreibweise. Anders ausgedrückt: Statistisch gesehen ändern sich 4 % einer Textseite, und lässt man die ss/ß-Regelung außer Acht sind es sogar nur 0,5 % - die Reform ist ein Reförmchen. Zudem greift die Rechtschreibreform weder in das gewachsene Schriftbild der deutschen Sprache ein, noch beeinträchtigt sie die Lesbarkeit der Texte. Ihre Urheber verfolgen vielmehr die Absicht, die Grundregeln der deutschen Rechtschreibung zu verstärken, die Zahl ihrer Ausnahmen zu reduzieren, Widersprüchlichkeiten zu beseitigen und das Regelwerk systematischer und damit leichter verständlich zu gestalten. Anhand von zwei Zahlen lässt sich eindrucksvoll belegen, zu welchen Vereinfachungen die Reform führt:: Das alte Regelwerk benötigte 212 Regeln, das neue kommt mit 112 aus. Von 52 Kommaregeln sind nur noch acht übergeordnete übrig geblieben, eine wurde neu eingeführt.

 

 

Über den Umgang mit den neuen Rechtschreibregeln

 

Da Rechtschreibung nicht nur anhand von Regeln erlernbar ist, sondern sich auch durch ihr Erscheinungsbild einprägt, dauert es allerdings erfahrungsgemäß einige Zeit, bis die Sprachteilnehmer mit den Neuerungen so vertraut sind, dass sich ein Nachschlagen im Einzelfall erübrigt. Hilfestellung bei der Aneignung der neuen Regeln leisten nicht nur die aktualisierten Rechtschreibhilfen der Textverarbeitungsprogramme sowie die auf dem Markt angebotenen Konvertierungsprogramme, sondern insbesondere die Ratgeber zur neuen deutschen Rechtschreibung, wie sie etwa von den Schulbuchverlagen in großer Zahl und vergleichbarer Qualität herausgegeben wurden. Mit den richtigen Hilfsmitteln und allen voran einem aktualisierten Rechtschreibwörterbuch ausgestattet, werden die Schreibenden im Umgang mit dem Reformwerk rasch feststellen, dass die dort fixierten Regeländerungen zwar z. T. gewöhnungsbedürftig sind, in den meisten Fällen jedoch eine Vereinfachung darstellen oder die Anpassung an die aktuelle Sprachentwicklung vornehmen.

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