21 Juli, 2008

Recherche: Traue keinem Gerücht!

--- Warum nicht einfach etwas aufschreiben, wenn es einer einem erzählt hat und vielleicht sogar als Fachmann gilt? Es ist wie im Leben: In allem steckt ein Fünkchen Wahrheit, aber oftmals leider wirklch nur ein Fünkchen. Das aber reicht nicht aus, um andere ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit zu zerren unter dem sie im Zweifel verbrennen. Spindoktoren nutzen dieses Instrument gerne, um den Gegner zu desavouieren oder zumindest die eigenen Mandanten in einem besseren Licht darzustellen.
Vergangene Woche gab es wieder eine Vielzahl von Fällen, bei denen die Gerüchte entscheidend waren und dabei verherrende Folgen hatten.
1. Der Fall Madeleine: Ein Verdächtiger kassiert jetzt von elf britischen Zeitungen eine Entschädigung von 755 000 Euro. Außerdem veröffentlichen die Blätter eine Entschuldigung. Sie hatten den Eindruck erweckt, der Verdächtige habe etwas mit dem Verschwinden der drei Jahre alten Madeleine in Portugal zu tun. Die Zeitungen hätten sein Leben zerstört, hatte er vor Gericht gesagt.

2. Der WDR (Monitor) berichtet vom Fall des Kölner Fliesenlegers Josef Hoss, der von einem Polizeikommando überfallen wurde, weil er angeblich Handgranaten bei sich zu hause versteckt hatte.
"Damals hatte er mit seinen Nachbarn Streit. Sie erzählten sich, der Hoss besäße Handgranaten und meldeten das der Polizei. Um sein Haus zu durchsuchen, nahmen ihn 16 Elitepolizisten fest. Da saß er gerade im Auto.

Josef Hoss: "Dann kamen hinten acht Mann 'raus gelaufen, von vorne, und dann haben sie Scheiben eingeschlagen und haben mich mit 'nem Gummiknüppel traktiert, die Brust kaputtgeschlagen und ins Gesicht und haben mich raus gezogen, haben mich dann auf die Straße geschmissen, und dann haben sie mich gefesselt mit drei, vier Mann, haben … dass ganze Gelenk oben, das knackte alles. Und dann haben sie mir Handfesseln. Und wie ich gefesselt mit dem Gesicht auf dem Pflaster lag, hat mir einer links in die Rippen getreten, dann habe ich noch einen Riesentritt gekriegt rechts in die Rippen und einer ist mir in den Rücken gesprungen oder getreten mit einem Kampfstiefel. Und dann habe ich das Bewusstsein verloren."

Die Bilanz des Einsatzes: Hoss hatte keine einzige Handgranate. Ein unschuldiger Bürger wurde von der Polizei arbeitsunfähig geprügelt. Rippenbrüche, schwere Prellungen, Schäden an der Wirbelsäule. Hoss musste seine Firma auflösen, das Haus verkaufen und ist heute schwer behindert. Das Strafverfahren gegen die Kölner Beamten wurde eingestellt, denn keiner der Polizisten konnte sich genauer erinnern, was sie da mit Bürger Hoss veranstaltet hatten."


3. Die FTD berichtet wie der Finanzkonzern Bear Stearns in der Finanzkrise durch Gerüchte in die Pleite getrieben wurde.
" Doch ab jenem Montag, dem 10. März, beginnt das Drama, als das "Wall Street Journal" und der TV-Sender CNBC über Probleme bei Bear Stearns berichten. Die Aktie, die ein Jahr zuvor noch 170 $ wert war, fällt auf 63 $, der Handelsumsatz explodiert. Noch halten alle Geschäftspartner zu Bear Stearns, noch sind deren Geldspeicher voll. Doch dann stellt sich Schwartz CNBC-Korrespondent David Faber zum Interview.

Als der ihn fragt, ob die Gerüchte stimmten, dass Banken ihre Geschäfte mit Bear Stearns eingestellt haben, und Schwartz keine überzeugende Figur abgibt, ist für viele klar: Das ist der Anfang vom Ende. Nichts ist für Banken so wichtig wie ihre Glaubwürdigkeit - Zweifel daran können der Sargnagel sein. Tags drauf stellen massenhaft Banken und Fonds ihr Geschäft mit Bear Stearns ein. Die Bank kann sich kaum noch am Kapitalmarkt refinanzieren, ihre Barreserven schmelzen wie Butter in der Sonne. "Die institutionellen Investoren haben gesagt, dass sie mit Bear Stearns nichts mehr zu tun haben wollen - ohne einen Grund zu nennen", sagt ein Insider.

Am Wochenende darauf ist Bear Stearns zwar vorübergehend gerettet dank eines 28-tägigen Überbrückungskredits, den die Fed via JP Morgan gewährt. In der Zentrale der Bank an der Park Avenue aber geben sich die "Heuschrecken" die Klinke in die Hand: KKR, Flowers, die üblichen Verdächtigen. Übrig bleiben Dimon und JP Morgan, die Bear Stearns für lächerliche 10 $ je Aktie schlucken. Angetrieben von der Fed und Finanzminister Henry Paulson, dem Ex-Chef von Goldman Sachs, die keine vier Wochen warten wollten, ob sich Bear Stearns wieder erholt. "Die wollten ein Exempel statuieren und klarmachen, dass die Bear-Banker leiden sollen, nicht der Staatshaushalt", sagt einer, der die Vorgänge gut kennt. "Warum hat die Fed nur 20 Minuten nach dem Verkauf an JP Morgan allen anderen Investmentbanken ihr Liquiditätsfenster geöffnet und nicht vorher schon Bear Stearns?"



UPDATE: Hier ist noch ein weiterer Fall.

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28 November, 2007

VW-Affäre: Rolle der Journalisten

--- Wie geht ein Journalist mit Informationen eines Informanten um? Diese Frage beschäftigt in der VW-Affäre inzwischen auch Medien-Journalisten er Süddeutsche Zeitung.

"Am ersten Verhandlungstag des Prozesses gegen den früheren VW-Betriebsratsvorsitzenden Klaus Volkert und den einstigen VW-Personalmanager Klaus-Joachim Gebauer sprach in einer Pause ein Journalist des NDR den Braunschweiger Oberstaatsanwalt Klaus Ziehe an.

Ob die Staatsanwaltschaft sich bei ihren Ermittlungen mal um den früheren VW-Finanzvorstand Bruno Adelt gekümmert habe, wollte der Pressemann wissen. Der 48-jährige Strafverfolger, der Pressesprecher der Behörde ist, musste passen.

Anderntags meldete sich der Journalist telefonisch und berichtete, er stehe in Kontakt mit einem inzwischen pensionierten VW-Mitarbeiter, der angeblich Interessantes über Adelt und den Unternehmensführer Ferdinand Piech zu erzählen habe."
Seither steht Piech wieder unter Verdacht, von dem Schmiergel- und Bordellskandal bei VW gewusst zu haben. Warum aber hat der Journalist nicht selbst recherchiert und ist mit seinen Informationen an die Öffentlichkeit gegangen?, fragen nicht nur wir sondern auch die SZ. Den Informanten hat er nicht Preis gegeben, was sich auch so gehört. Kam er aber nicht weiter in der Recherche oder war es für ihn einfacher, den Staatsanwalt anzuspitzen, um dann exklusiv darüber zu berichten? Diese Fälle gibt es im Medienbetrieb nicht selten.
Es gab auch andere Informanten, die sich zum VW-Skandal an Journalisten gewendet haben, allerdings kurz darauf abgetaucht sind, so dass eine weitere Reherche so gut wie unmöglich war.

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24 Mai, 2007

Redepause für Politiker

--- Nicht jedes Medienangebot sorgt auch für positive Publicity. Bundestagspräsident Norbert Lammert rät seinen Abgeordneten, zwei Jahre lang nicht mehr in Talkshows aufzutreten. Die Diskussionen hätten nicht dazu beigetragen, die Politikverdrossenheit zu beheben, im Gegenteil. Sein Vorgänger im Amt, Wolfgang Thierse, unterstützt ihn inzwischen dabei.

Und sonst: Das Netzwerk Recherche veranstaltet im Juni wieder seinen Jahreskongress. Thema: "Nutzwert-Journalismus für die Demokratie". Zugleich wurde jetzt eine nr-Werkstatt zu "Kritischer Wirtschaftsjournalismus" publiziert sowie eine Broschüre über die veränderten Nachrichtenfaktoren und die Folgen für den Journalismus. Die Hefte können über das Netzwerk bezogen werden.

Beim Doping im Radsport stellt sich die Frage: Sollte man über den "Sport" überhaupt noch berichten? Journalistisch sicher, bestimmt aber nicht, in dem man sich für viel Geld die Übertragungsrechte erkauft.

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17 März, 2006

Schweinsteiger und Calmund: Gute Rechereche tut Not

--- Wer schlecht recherchiert, kann sein blaues Wunder erleben. Die Münchner Boulevardzeitung "tz" hatte heute berichtet, das der Profi-Fußballer und Nationalspieler, Sebastian Schweinsteiger, in den Wettskandal der Bundesliga verwickelt sei. Einen Beleg blieb die Zeitung schuldig, jetzt kommt es faustdick: Neben einer Gegendarstellung wird die Zeitung auch einen Widerruf veröffentlichen und damit öffentlich eingestehen, dass sie falsch berichtet hat, wie die Netzeitung berichtet.
Recherche ist das A und O im Journalismus. Manches Mal kommt es allerdings zu unangenehmen Verquikungen. So berichten Zeitungen oft über dubiose Machenschaften. Diese nehmen Staatsanwaltschaften dann zum Anlass, um wegen eines Anfangverdachts zu ermitteln. Daraufhin berichtet am nächsten Tag die Zeitung stolz: Staatsanwaltschaft ermittelt, und sieht sich so in der eigenen Berichterstattung bestätigt. Doch wer ist die Henne und wer das Ei?
Über einen solchen Fall berichtete gestern die SZ. Hintergrund sind die Vorwürfe gegen den ehemaligen Manager von Bayer Leverkusen, Rainer Calmund, der eine halbe Million Euro veruntreut haben soll. "Der Spiegel-Journalist Jörg Schmitt ist einer der erfahrensten Rechercheure in Deutschland. Er hat Enthüllungsgeschichten über Finanzskandale und über Leo Kirch geschrieben, und er kennt einige der hartnäckigsten Ermittler.
Am 3. Januar 2006 meldete sich Schmitt bei dem Bielefelder Kriminalbeamten Karl-Heinz Wallmeier, der eine Bestbesetzung für das Stück Allein gegen die Mafia wäre. Der Triathlet ist ein zäher Verfolger.
Schmitt schilderte ihm seine Recherchen über den Spielervermittler Volker Graul und über Reiner Calmund, den früheren Manager von Fußball-Bundesligist Bayer 04 Leverkusen. Es ging um den Verbleib von 580.000 Euro und den Verdacht einer Manipulation des Spiels Arminia Bielefeld gegen Leverkusen am 4. Mai 2003, in die womöglich der damalige Bielefelder Profi Ansgar Brinkmann verwickelt sein könnte. Am 4. Januar trafen sich der Reporter und der Ermittler in einem Bielefelder Café. Wallmeier fasste nach der Rückkehr ins Büro die Hinweise des Journalisten in einem Vermerk zusammen. Danach startete er quasi Vorermittlungen.
Am 6. März erschien dann im Spiegel eine Geschichte über Calmund und das Geld. Der Bericht sorgte durch Vorabmeldungen für Aufsehen. Das Magazin meldete, dass „die Bielefelder Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei gegen mehrere Personen wegen des Verdachts des Betrugs und der Untreue“ ermittelten. "
Der Journalist hilft und erhält dafür exklusiv Nachrichten von der Staatsanwaltschaft. Eines von vielen Tauschgeschäften im Journalismus.
Diskutiert im FORUM.

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10 Januar, 2006

Recherchereise in die Ukraine

--- An dieser Stelle wollen wir einmal darauf hinweisen, dass es das sogenannte Journalists-network gibt. Hier werden junge Journalisten von erfahrenen Profis unterstützt. Die nächste Recherchereise findet Anfang März statt und führt in die Ukraine, wo bekanntermaßen Ende März ein neues Parlament gewält wird. Das Netzwerk lädt auch polnische Kollegen zu dieser Reise ein. Redakteure zahlen 450, Freie und Volontäre 300 Euro (Flug von Berlin, Unterkunft mit Frühstück, Transport in der Ukraine) für die Fahrt vom 1. bis 8. März. Bewerbungsschluss ist der 20. Januar 2006. Schickt einen Lebenslauf und eine Begründung für Euer Interesse an ukraine@journalists-network.org.

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20 Oktober, 2004

PR-Text oder recherchierter Text

--- In Zeiten knapper Kassen überlegen auch Zeitungen, wie sie ihre Seiten füllen können, ohne viel Geld dafür auszugeben. Während es bei Lifestyle-Magazinen, Reise- oder Motorseiten bekannt ist, dass es immer wieder zu Verquickungen von PR-Interessen und journalistischen Texten kommt, nimmt dieser Trend nun auch in anderen Bereichen zu. Wie PR-Verkäufer in die Zeitungen gelangen, berichtet Dieter Simon in einer älteren Ausgabe von Message.

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