10 Juli, 2008

Zitate: Gysi und die Stasi

--- Ja, man kann klagen gegen öffentlich gemachte Aussagen anderer über einen selbst, wenn man der Auffassung ist, dass diese nicht stimmen. Für Journalisten heißt das, Vorsicht walten zu lassen (siehe Meldung).
Gregor Gysi hat dies exerziert und immer wieder gegen die Behauptung anderer geklagt, er sei Spitzel bei der Stassicherheit der DDR gewesen. Jetzt aber hat er zwei Verfahren verloren, durch die er gegen das ZDF eine Gegendarstellung erwirken wollte.
Was ist passiert? Weil er immer wieder über die Jahre geklagt hatte, spornte das die Rechercheure an, die immer mehr über ihn gefunden haben, so dass das Gericht in Hamburg jetzt gesagt hat, dass es wohl o.k. sei zu sagen, Gysi habe als Anwalt in der DDR "wissentlich und willentlich an die Stasi berichtet", wie Marianne Birthler, Chefin der Stasi-Unterlagenbehörde, es im Fernsehen formuliert hatte.

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06 Mai, 2008

Interview: Wenn einer lügt

--- Was ist eigentlich, wenn ein Interviewpartner die Unwahrheit sagt und der Journalist es abdruckt, ohne davon zu wissen? Im aktuellen Newsletter des ABZV wird ein spannender Fall beschrieben, weshalb wir die Meldung gerne an dieser Stelle abdrucken.

Lügen-Geschichten
Die Zivilkammer 24 des Landgerichts Hamburg war schon bislang nicht dafür bekannt,
übermäßig pressefreundlich zu sein. Jetzt setzt sie mit einem weiteren Urteil alles daran,
erneut Medien-Geschichte zu schreiben. Wenn es in der Berufung Bestand hat, haben
fortan alle Redaktionen Probleme mit Interviews.
Die ganze Geschichte: Im vergangenen Sommer ziehen der Kabarettist Dieter Hildebrandt
und der Moderator Roger Willemsen mit ihrem Bühnenprogramm „Ich gebe Ihnen mein
Ehrenwort“ durchs Land, in dem sie über die Lügen der Menschheit schwadronieren. Zur
Vorberichterstattung wird Willemsen von einem Journalisten interviewt. Magazine und
Zeitungen drucken den Text, auch die Saarbrücker Zeitung. Darin wird Willemsen so
zitiert: „Das Focus-Interview, das Markwort mit Ernst Jünger geführt haben will, war schon
zwei Jahre zuvor in Bunte erschienen.“ Dumm nur, dass diese Behauptungen unstrittig
unwahr sind. Aber kann das die Zeitung wissen, als sie das Interview druckt? Muss sie
auch dann alle Fakten überprüfen, wenn sie im O-Ton berichtet? Egal, ob der
Gesprächspartner ein Moderator, ein Bürgermeister, ein Firmenchef ist?
Burdas Haus-Kanzlei Professor Schweizer klagt auf Unterlassung gegen die Saarbrücker
Zeitung. Nicht in München, nicht in Saarbrücken – in Hamburg, wo man das passende
Urteil erwartet. Es geht um den sperrigen Begriff der so genannten Verbreiterhaftung. Und
so urteilten jetzt die Richter: „...ist es für das Eingreifen einer Verbreiterhaftung bei der
Veröffentlichung eines Interviews nicht erforderlich, dass der intellektuelle Verbreiter (die
Zeitung, d.R.) sich die Formulierungen zu eigen macht. Vielmehr ist eine Distanzierung
erforderlich, damit ein Entfallen der Verbreiterhaftung in Betracht kommt.“ Die
Pressekammer erkannte sogar eine Wiederholungsgefahr, auch wenn die Zeitung
versicherte, das Interview nicht ein zweites Mal drucken zu wollen. „Damit stellt sie
lediglich ihre aktuelle Absicht dar, die sich in der Zukunft ändern kann.“ (AZ 324 O 998/07)
In einem anderen Verfahren gegen die FAZ hatte das Oberlandesgericht München
geurteilt: „...trifft den Verleger bei Abdruck eines Interviews nur eine eingeschränkte
Prüfungspflicht. Sie muss nur vorgenommen werden, wenn die vom Interviewpartner
aufgestellten Behauptungen eine besonders schwere Beeinträchtigung von
Persönlichkeitsrechten enthalten.“ (AZ 18 U 4341/06)

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17 März, 2006

Rudi Carell: Interview zum Abschied

---Selten sind Interviews so gut, dass sie der Erwähnung bedürfen. Im aktuellen SZ-Magazin findet sich aber eine Titelgeschichte, die nur aus einem Interview mit dem Schowmaster Rudi Carell besteht. Auf der Titelseite ist der Krebskranke liebevoll fotografiert und daneben das Zitat: "Ich habe nichts dagegen, wenn das Interview nach meinem Tod erscheint." Bewegender geht es kaum und ebenso bewegend ist das Interview, dass sich über mehr als zehn Seiten erstreckt und angereichert ist mit unzähligen Fotos, Carells Erfolgen und Stimmen Prominenter, die ihn - wie wohl die meisten Deutschen - verehren und schätzen. Schöner kann man kaum vor dem Tod eines Menschens einen Nachruf verfassen und mit dem Thema umgehen.
Ganz anders die Bild und Bunte, über die Carell im Interview schimpft, weil sie mit seiner Krebskrankheit unmöglich umgegangen seien: "Ich hatte der Bunten ein ehrliches Interview gegeben. Na gut, ich habe versucht, den Krebs etwas herunterzuspielen. »Ich habe zwar eine schwere Krankheit«, habe ich gesagt, »aber ich lebe, habe keine Schmerzen, kann arbeiten.« Und was hat die Bild-Zeitung daraus gemacht? Haarausfall, schwer abgenommen! Ich war stinksauer. Und dann diese schlimmen Fotos: Ich fand die ganze Sache nicht fair – mir gegenüber und Hunderttausenden, die Angst vor einer Krebsvorsorge haben oder selbst vor einer Chemotherapie stehen.
Hat sich die Bild-Zeitung bei Ihnen entschuldigt?
Nein, obwohl ich mich schriftlich beim Chefredakteur beschwert habe: »Ich lasse mich von euch nicht lebendig begraben!« Am nächsten Tag hieß die Schlagzeile: »Rudi lacht den Krebs aus!« Am Tag darauf: »Rudi tapfer!« So versucht sich die Bild-Zeitung zu entschuldigen.
Haben Sie eine Antwort auf Ihren Brief bekommen?
Ja. »Sie wissen doch, wir sind Ihre größten Fans!«, hat Kai Diekmann zurückgeschrieben. Zwei Tage zuvor hatte er noch meinen Tod herbeigesehnt. Und wenn die Bild so etwas schreibt, kupfern alle anderen ab. Das Neue Blatt titelte: »Jetzt feiert er nicht mal mehr seinen Geburtstag!« Dabei verbringe ich meinen Geburtstag seit 46 Jahren im Studio, auch meinen letzten."

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28 Februar, 2006

Interviewtechnik: Lernen von Friedmann

--- Die Welt am Sonntag veröffentlicht in unregelmäßiger Reihenfolge Interviews, geführt von Michel Friedmann. Das Pikante: Die Interviews erscheinen unautorisiert, also eins zu eins. Für den Interviewten bedeutet das, genau zu überlegen, was er sagt. Für den Interviewer bedeutet das, sich akribisch vorzubereiten. Friedmann ist dafür die perfekte Besetzung: Er beherrscht es, Interviews zu "führen" und vor allem sprachliche Versteckspiele des Gegenübers zu entlarven und durch gezielte Nachfragen offenzulegen. Diese Woche war der Innenminister von Bayern, Günther Beckstein, dran.
Beispiel für die Vorbereitung auf die Person, die einem gegenüber sitzt:
"Beckstein: Ich kann mir nicht vorstellen, daß Deutschland sich in irgendeiner Weise an einer militärischen Auseinandersetzung im Nahen Osten beteiligt.
Friedmann: Das sagt übrigens auch Herr Platzeck - und widerspricht der Bundeskanzlerin. Er sagte, für die SPD ist jegliche militärische Intervention gegenüber dem Iran ausgeschlossen. Obwohl der Iran in diesen Tagen Urananreicherung begonnen hat, obwohl der Iran Rußland die Rote Karte gezeigt hat. Übt sich Platzeck in Opportunismus und Populismus vor den Landtagswahlen?
Beckstein: Ich kann die Äußerungen von Platzeck nicht bewerten, sondern nur für mich sagen ...
Herr Beckstein, Herr Beckstein, natürlich bewerten wir. Sie sind ein führender Politiker der CSU. Natürlich müssen Sie, können Sie, sollten Sie eine Äußerung von Herrn Platzeck, der Ihrer Kanzlerin so deutlich widerspricht, nicht schüchtern ausweichen!"

Auch scheut sich Friedmann nicht, Aussagen in verständliches Deutsch zu transportieren, wenn der Politiker sein Politikerdeutsch verwendet:
"Friedmann: Das war die offizielle Version, kommen wir zur inoffiziellen. Ist Stoiber wirklich der beste Mann für Bayern und die CSU? Jetzt mal ganz ehrlich, es hört uns ja keiner zu.
Beckstein: Ja, er hat ja auch in den vergangenen zwölfeinhalb Jahren hervorragende Arbeit geleistet.
Friedmann: Was nicht heißt, daß die Zukunft genauso hervorragend sein muß.
Beckstein: Er strengt sich außerordentlich an, arbeitet in einem ungeheuren Maße und bemüht sich, bestimmte Schwachstellen wieder zu beheben.
Friedmann: Wenn mein Lehrer mir so ein Zeugnis ausgestellt hätte, wüßte ich, daß ich eigentlich durchgefallen bin. Herzlichen Dank, Herr Beckstein!"

Im Januar hatte Friedmann bereits Claudia Roth von den Grünen interviewt und wunderbar entlarvt. Damals ging es um die Frage, ob die Grünen als Friedenspartei trotz ihrer Ikone Fischer einen Untersuchungsauschuss zu BND-Affaäre wollen, oder nicht.

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