04 Dezember, 2007

Pressefreiheit: Mundtote Franzosen

--- Die Süddeutsche Zeitung widmet sich heute an ihrer prominentesten Stelle - dem Kasten auf der Titelseite - dem französischen Mediensystem. Der Redakteur erklärt in seinem Artikel anschaulich, warum die französischen Journalisten ganz anders arbeiten als etwa die hiesigen. Die Überschrift: "Verhüllungs-Journalismus" (statt "Enthüllungs"-Journalismus) verrät so einiges. Da ging es in Frankreich darum, dass die Arbeitgeber die Gewerkschaften geswchmiert haben und Staatspräsident es gewusst und beide Augen zugedrückt hat.

"Dabei hat ein Journalist der Wochenzeitschrift Marianne den, nun ja, Skandal sauber recherchiert und in allen Einzelheiten aufgeschrieben. Es gab sogar eine Agenturmeldung auf Französisch zu der Enthüllung, und zwar schon vor zehn Tagen. Doch die griff, von ein paar Internetseiten abgesehen, keiner auf.
Alle großen Medien ignorierten den Scoop. Dabei dementierte der Pressesprecher des Präsidenten trotz gezielter Nachfragen die Information bis heute nicht.
Für den Autor des Artikels liegt der Fall klar auf der Hand: "Sie wissen doch, in Frankreich sind alle Medien Sarkozy-hörig", sagt Eric Decouty. Er selbst wechselte erst vor wenigen Wochen vom braven Regierungsblatt Le Figaro zu Marianne. Das klingt plausibel, schon allein weil allseits bekannt ist, wie gut Nicolas Sarkozy mit den größten Verlegern befreundet ist - mit Männern wie Dassault, Arnault, Lagardère, Bolloré, Bouygues und Pinault, die gleichzeitig gewichtige Industrielle sind.
Die Industriebeteiligungen in den französischen Medien hält die unabhängige Medienexpertin Isabelle Bourgeois zwar auch für ein Problem. Sie widerspricht aber der Behauptung, alle Medien seien Sarkozy-treu.
Über die Skandale von dessen Vorgängern François Mitterrand und Jacques Chirac sei auch kaum berichtet worden. "Frankreich ist keine Mediendemokratie", sagt sie, "und es gibt auch eine Kritikkultur." Wer kritisiert, gilt leicht als Nestbeschmutzer. So weit der kulturelle Unterschied, der, sagt Bourgeois, auch dazu führt, dass Journalisten nicht lernten, zu hinterfragen, richtig zu recherchieren und auch selbstkritisch zu sein."

Es gibt allerdings auch eine spannende rechtliche Komponente, die die Freiheit der Journalisten im Gegensatz zu den Kollegen in Deutschland einschränkt.

"Hinzu kommt, dass Journalisten schnell der Prozess gemacht werden kann. Frankreich kennt zwar die individuelle Meinungsfreiheit, aber keine wie in Deutschland durch das Grundgesetz verbürgte Medienfreiheit und auch nicht das Recht, sich ungehindert zu informieren. Stattdessen herrscht das Informationsgeheimnis vor. Wer eine exklusive unangenehme Nachricht über jemanden verbreitet, riskiert daher, verdächtigt zu werden, sich seine Informationen unrechtmäßig verschafft zu haben. Schlimmer noch ist: Wer jemanden namentlich zitiert, kann außerdem der Verleumdung bezichtigt werden. Deshalb anonymisieren die französischen Medien in aller Regel ihre Quellen.
Nur mit Humor und Ironie dürfen sie senden und drucken, was zuvor noch keiner zu veröffentlichen wagte. Die mittwochs erscheinende, immer achtseitige, garantiert anzeigenfreie Satire-Wochenzeitung Le Canard Enchaîné ist so zum einzigen investigativen Medium im Land geworden - wenn auch mit Einschränkungen: Das Innenministerium darf schon am Dienstagabend einen Blick in den Canard (was Erpel heißt, aber umgangssprachlich für Zeitung oder eher Käseblatt steht) werfen, um sich zu wappnen.

Kurzum: Es geht noch zu wie einst bei Hofe - der Narr darf dem König alles unter die Nase reiben, solange es lustig ist."


Dann berichtet die SZ noch von der Reform des Presserechts in Israel. Es stammt aus dem Jahr 1933. Bislang wurden dort - wie in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg Lizenzen ausgegeben, bevor jemand als Verleger eine Zeitung auf den Markt bringen durfte. Damit soll jetzt Schluss sein. Dagegen müssen Verleger aber alle halbe Jahre in ihren Zeitungen veröffentlichen, an welchen anderen Unternehmen sie beteiligt sind.

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20 November, 2007

La Tribune: Unternehmer machen Zeitung

--- Am Wochenende durften 34 französische Topmanager die Wirtschaftszeitung "La Tribune" selbst gestalten. Darüber berichtet die FAZ heute:
"Heraus kam ein Blatt, das sich auf den ersten Blick wenig von den sonstigen Ausgaben unterscheidet. Auf den zweiten Blick fallen jedoch interessante Konstellationen mit einigen bemerkenswerten Ergebnissen auf: Da fragte etwa Maurice Lévy, der Chef der größten französischen Werbeagentur Publicis, im Interview Lindsay Owen-Jones, den Verwaltungsratsvorsitzenden von L'Oréal, ob er die hohe Rate ausländischer Kapitalbeteiligungen an französischen Unternehmen für ein Problem halte. Immerhin befänden sich mehr als die Hälfte der CAC-40-Unternehmen im Besitz von ausländischen Investoren. OwenJones daraufhin: "Ihre Frage ist fast schon schockierend!" Natürlich sei dies kein Problem, denn wer seine Produkte weltweit verkaufe, müsse auch internationale Investoren in seinen Aktionärskreis aufnehmen. "Mit welchem Recht kommt man zu der Annahme, dass ausländische Aktionäre eine irgendwie andersartige und minderwertige Qualität haben als französische?"

In einem anderen Artikel versuchte Christoph de Margerie, der Präsident des Total-Konzerns, den Lesern die Angst vor den berüchtigten Staatsfonds zu nehmen. Denn diese könnten ja auch durchaus willkommene Geldgeber sein. Im Übrigen solle man zwischen Staatsfonds und Unternehmen im Staatsbesitz unterscheiden. Die französischen Energieversorger EdF und GdF dürften ja auch nicht mit Staatsfonds verwechselt werden."

(...)

"Eine Zusammenfassung der journalistischen Erfahrungen durfte Werbefachmann Lévy im Editorial liefern: "Welch ein Wind der Bescheidenheit wehte an diesem eiskalten Sonntag um diese großen Patrons, die den Beruf des Journalisten ausprobierten", schwärmte er. "Welch plötzliches Verständnis für die Schwierigkeiten, die Journalisten auf jeder Etappe der Erstellung von Artikeln haben können!", schrieb er. Einen Kollegen habe Lévy etwa fluchen hören, weil er einen Ansprechpartner nicht erreichen konnte; ein anderer machte die Erfahrung, dass die Kontaktperson nicht mit der Presse reden wollte.

Lévys Schlussfolgerung: Mehr Bescheidenheit sei angebracht. Er habe nun Einblick erhalten in die professionelle und technische Komplexität der Zeitungsproduktion, die besonders in Frankreich mit wirtschaftlich begrenzten Mitteln zurechtkommen müsse. Daher nimmt er sich jetzt den Vorsatz: "Ehrenwort, beim nächsten Mal überlege ich zweimal, bevor ich über einen Zeitungsartikel fluche.""




Diskussionen im FORUM

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13 Juni, 2007

Spin: Blair kritisiert Medienhype

--- Welche Veränderung geht in einem Menschen hervor, wenn er nach vielen Jahren eines der wichtigsten Ämter in seinem Land abgeben muss? Tony Blair, scheidender Premierminister von Großbritannien und einer der größten Inszinierer seiner Politik (der dabei Vorbild für Gerhard Schröder war) findet plötzlich die Inszinierung und Dauererregung in der Politik schädlich fürs Land. ""Das Verhältnis zwischen Politik und Medien ist so beschädigt, dass es der Reparatur bedarf“, mahnt der britische Premierminister zwei Wochen vor dem Ende seiner zehnjährigen Amtszeit. „Der Schaden unterminiert das Selbstvertrauen des Landes und seine Institutionen, und er reduziert die Fähigkeit, die richtigen Entscheidungen zu treffen.“ Das sähen auch Führungskräfte aus Wirtschaft, Militär und gar Wohlfahrtsorganisationen so, sagt er. Es traue sich nur keiner, das offen zu sagen." Das notiert heute das Handelsblatt auf seiner Titelseite. Und weiter attackiert er Journalisten in einer Rede bei Reuters : "Ihnen kreidet er an, dass sie immer hektischer reagierten, immer bedenkenloser Themen hochpeitschten und immer schamloser auf den Bauch statt das Hirn des Publikums zielten. Wenn die Medien die wachsende Politikverdrossenheit kritisierten, dann müssten sie bei sich selber nach den Ursachen suchen. (...) "Ich gestehe meine Komplizenschaft ein“, sagt Blair. „In den frühen Tagen von New Labour haben wir unangemessen stark die Medien hofiert.“ Damit habe man riskiert, die Trends, die er nun beklage, zu befeuern. Eine Lösung hat Blair nicht zu bieten, das ist auch nicht mehr seine Aufgabe. Er deutet nur an, dass ein neuer Regulierungsansatz nötig sei. Die Debatte müsse aus der Medienbranche selber kommen – „wenn die Politik sie startet, wird sie sie verlieren“.

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08 Mai, 2007

Spindoktor und Sarkosy

--- Finanzminister haben viel Geld zu verteilen - und eigentlich gar keine Lust dazu. Sozialpolitiker sind ihnen suspekt und zugleich ihr natürlicher
Feind. Wohl auch deshalb lieben Finanzminister das spin-doctoring. So hatte etwa etwa Hans Eichel den Berater Schmidt-Deguelle eingekauft. Auch Nachfolger Peer Steinbrück versucht nun, übner den richtigen Spin die Begehrlichkeiten der prassenden Sozialpolitiker einzudämmen - mit einer Art negative campaigning. Erst verkündet er am Wochenende, dass der Staat bis 2011 satte 200 Milliarden Euro mehr einnehmen wird als geplant - und das fünf Tage, bevor die Steuerschätzer die offizielle Zahl beechnen und bekannt geben werden. Für die Süddeutsche ist der Fall klar: ""Hinter der Strategie steckt kein Strategiewechsel, sondern schlichtes Kalkül nach dem Motto: Wir nennen die Zahl vorab und zerreden sie dann bis zum Freitag".
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Und sonst: Mit dem Wahlsieg des Franzosen Sarkosy regiert künftig ein neuer Berlusconi in Frankreich. trauzeugen und Freunde von ihm dominieren die Verlage im Land, die traditionell von Industriellen geführt werden. Mit dem Thema beschäftigen sich heute etliche Zeitungen, unter anderem Süddeutsche, Handelsblatt und FAZ.

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