07 Mai, 2008

Traumberuf Journalismus

06 Mai, 2008

Interview: Wenn einer lügt

--- Was ist eigentlich, wenn ein Interviewpartner die Unwahrheit sagt und der Journalist es abdruckt, ohne davon zu wissen? Im aktuellen Newsletter des ABZV wird ein spannender Fall beschrieben, weshalb wir die Meldung gerne an dieser Stelle abdrucken.

Lügen-Geschichten
Die Zivilkammer 24 des Landgerichts Hamburg war schon bislang nicht dafür bekannt,
übermäßig pressefreundlich zu sein. Jetzt setzt sie mit einem weiteren Urteil alles daran,
erneut Medien-Geschichte zu schreiben. Wenn es in der Berufung Bestand hat, haben
fortan alle Redaktionen Probleme mit Interviews.
Die ganze Geschichte: Im vergangenen Sommer ziehen der Kabarettist Dieter Hildebrandt
und der Moderator Roger Willemsen mit ihrem Bühnenprogramm „Ich gebe Ihnen mein
Ehrenwort“ durchs Land, in dem sie über die Lügen der Menschheit schwadronieren. Zur
Vorberichterstattung wird Willemsen von einem Journalisten interviewt. Magazine und
Zeitungen drucken den Text, auch die Saarbrücker Zeitung. Darin wird Willemsen so
zitiert: „Das Focus-Interview, das Markwort mit Ernst Jünger geführt haben will, war schon
zwei Jahre zuvor in Bunte erschienen.“ Dumm nur, dass diese Behauptungen unstrittig
unwahr sind. Aber kann das die Zeitung wissen, als sie das Interview druckt? Muss sie
auch dann alle Fakten überprüfen, wenn sie im O-Ton berichtet? Egal, ob der
Gesprächspartner ein Moderator, ein Bürgermeister, ein Firmenchef ist?
Burdas Haus-Kanzlei Professor Schweizer klagt auf Unterlassung gegen die Saarbrücker
Zeitung. Nicht in München, nicht in Saarbrücken – in Hamburg, wo man das passende
Urteil erwartet. Es geht um den sperrigen Begriff der so genannten Verbreiterhaftung. Und
so urteilten jetzt die Richter: „...ist es für das Eingreifen einer Verbreiterhaftung bei der
Veröffentlichung eines Interviews nicht erforderlich, dass der intellektuelle Verbreiter (die
Zeitung, d.R.) sich die Formulierungen zu eigen macht. Vielmehr ist eine Distanzierung
erforderlich, damit ein Entfallen der Verbreiterhaftung in Betracht kommt.“ Die
Pressekammer erkannte sogar eine Wiederholungsgefahr, auch wenn die Zeitung
versicherte, das Interview nicht ein zweites Mal drucken zu wollen. „Damit stellt sie
lediglich ihre aktuelle Absicht dar, die sich in der Zukunft ändern kann.“ (AZ 324 O 998/07)
In einem anderen Verfahren gegen die FAZ hatte das Oberlandesgericht München
geurteilt: „...trifft den Verleger bei Abdruck eines Interviews nur eine eingeschränkte
Prüfungspflicht. Sie muss nur vorgenommen werden, wenn die vom Interviewpartner
aufgestellten Behauptungen eine besonders schwere Beeinträchtigung von
Persönlichkeitsrechten enthalten.“ (AZ 18 U 4341/06)

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05 Mai, 2008

Journalistenpreis: Holtzbrinck vergibt Preis

--- Der Holtzbrinck-Verlag verleiht wieder einmal seinen Journalistenpreis. Wir veröffentlichen an dieser Stelle die Ausschreibung:

ZIELSETZUNG DES PREISES
In einer sich schnell verändernden Wirtschaft, die von der
Öffentlichkeit mit starkem Interesse verfolgt wird, kommt der
Wirtschaftsberichterstattung eine große Bedeutung zu. Das
Selektieren und Gewichten von Informationen wird hierbei
immer wichtiger. Die klar verständliche Darstellung von Zu -
sammenhängen und Hintergründen stellt an den Wirtschaftsjournalismus
hohe Anforderungen. Zur Förderung der journalistischen
Qualität im Bereich der Wirtschaftsberichterstattung
lobt die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck jährlich den
Georg von Holtzbrinck Preis für Wirtschaftspublizistik aus.

AUSZEICHNUNG
Prämiert werden herausragende Reportagen, Analysen, Kom mentare
und journalistische Formate, insbesondere Online-Formate
aus dem Wirtschafts leben. Entscheidend ist da bei die kompetente,
differenzierte, lebendige und allgemein verständliche
Vermittlung komplexer Themen aus der Welt der Wirtschaft.
Die eingereichten Beiträge sollen wirtschaftliche Zusammenhänge
und Entwicklungen, insbesondere aus dem Finanz- und
Unternehmensbereich für ein breites Publikum begreifbar
machen. Gewürdigt werden Arbeiten, die sich durch eine originäre,
gründliche Recherche, kritische Hintergrundinformation,
eine kraftvolle Analyse sowie eine klare Sprache auszeichnen
und aufgrund ihrer öffentlichen Wirkung vorbildlich sind.

PREISVERGABE
Die Preisvergabe erfolgt olgt in den Kategorien:
• Print (Zeitungen und Zeitschriften)
• elektronische Medien (Fernsehen und Hörfunk)
• Online Medien
• Nachwuchspreis
Die drei Preise Print, elektronische und Online Medien sind
mit jeweils 5.000 Euro, der Nachwuchspreis mit 2.500 Euro
dotiert. Der Nachwuchspreis wird an Bewerberinnen und Be -
werber vergeben, die das 30. Lebensjahr im Jahr 2008 noch
nicht vollendet haben. Die Auswahl der Preisträgerinnen/
der Preisträger erfolgt durch eine unabhängige Jury. Die Preise
werden im November 2008 in Frankfurt /M. vergeben.

BEWERBUNGSBEDINGUNGEN
Teilnahmeberechtigt sind alle in deutscher Sprache und /oder
in deutschsprachigen Medien veröffentlichenden Journalistinnen
und Journalisten. Die Auszeichnung erfolgt für Einzelbeiträge
und /oder Serien. Im Falle einer Teambewerbung müssen die
zwei eingereichten Arbeitsproben jeweils von dem gleichen
Autorenteam verfasst worden sein. Bitte bewerben Sie sich mit
Ihrer Kurz biographie, dem Bewerberbogen und zwei Arbeitsproben,
die im Zeitraum 2. 7. 2007 bis 1. 7. 2008 ver öffent licht
wurden. Als zulässige Ar beits proben gelten nur kopier fähige
Belegexemplare im DIN A4 - Format (Printmedien), DVD - bzw.
CD - Rom mit Bei trä gen bis max. 20 Minuten Länge und Textmanu
skript inkl. aus ge schrie be nen O -Tönen und Anmodera tion
(elek tronische Medien), Screen shot mit Angabe des Online -
Portals und der Schalt zeiten (Online).
Bewerbungsschluss ist der 1. Juli 2008 (Post stempel). Der
Rechtsweg ist ausgeschlossen. Die Rücksendung der einge reich ten
Arbeiten erfolgt nur auf aus drücklichen Wunsch. Mit Einsen dung
der Arbeiten werden die Ausschrei bungs beding ungen anerkannt.
JURY
Dr. Stefan von Holtzbrinck (Vorsitz)
Tom Buhrow | ARD
Heike Göbel | Frankfurter Allgemeine Zeitung
Burkhard Graßmann | Loyalty Partner GmbH
Rudolf J. Gröger | München
Karen Heumann | Jung von Matt AG
Dr. Uwe Jean Heuser | DIE ZEIT
Gabor Steingart | Der Spiegel
Prof. Dr. Thomas Straubhaar | HWWI
Bernd Ziesemer | Handelsblatt

Taubenstr. 23 • D –10117 Berlin • Internet: www.vf - holtzbrinck.de
Telefon +49 (30) 27 87 18 –19 • Fax +49 (30) 27 87 18 –18
E - Mail: wirtschaftspublizistik@ vf - holtzbrinck.de

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Rechtschreibung: Balettänzer und See-Elefanten

--- Lisa Wlagenbach erklärt heute:

Dem amtlichen Regelwerk der deutschen Rechtschreibung zufolge, das am
1. August 2007 in Kraft getreten ist, bleiben in zusammengesetzten Wörtern
die Buchstaben aller Bestandteile selbst dann erhalten, wenn drei gleiche Konsonanten aufeinanderfolgen, z. B.

alte Schreibweise neue Schreibweise
See-Elefant Seeelefant/See-Elefant
Ballettänzer Balletttänzer/Ballett-Tänzer
Ausschußsitzung Ausschusssitzung/Ausschuss-Sitzung

a) Die deutschsprachigen Nachrichtenagenturen werden – einer Analyse der von ihnen herausgegebenen Wörterlisten zufolge - in zusammengesetzten Wörtern, in denen drei gleiche Vokale aufeinanderfolgen, in der Regel einen Bindestrich einfügen,
z. B. See-Elefant, Tee-Ei, Hawaii-Insel,
vgl. www.die-nachrichtenagenturen.de

b) Die deutschsprachigen Nachrichtenagenturen werden – einer Analyse der von ihnen herausgegebenen Wörterlisten zufolge – zusammengesetzte Wörter, in denen drei gleiche Konsonaten aufeinanderfolgen, in der Regel zusammenschreiben, z. B. Balletttänzer, Ausschusssitzung, Betttuch, Schlusssatz,
vgl. www.die-nachrichtenagenturen.de.

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02 Mai, 2008

Thomas Leif: Recherche oder Propaganda

--- Thomas Leif, Chefreporter des SWR, stellt sich selbst als investigativen Journalist dar und kämpft gemeinsam mit dem Netzwerk Recherche für Qualitätsjournalismus. Wer eine solch moralisch überbordende Rolle einnimmt, muss akzeptieren, besonders kritisch beäugt zu werden.
Das hat jetzt die FAZ unternommen. Leif hat in der ARD am Mittwochabend ein Film gebracht. Darin ging es um den Streit zwischen öffentlich-rechtlichen Sendern und Privatsendern- und verlegern in der Frage, ob die Staatssender auch im Internet umfangreich mit Gebührengeldern aktiv sein dürfen, oder ob das nicht eher ein Spielfeld für die Privatwirtschaft ist. Nun das Urteil der FAZ:
Der politische Streit tobt, jeder vertritt seine Interessen und Ansichten, ARD und ZDF, die Zeitungs- und Zeitschriftenverleger, die privaten Fernsehsender, die Politik in den Bundesländern und bei der EU in Brüssel. Dass sich die ARD in diesem Zusammenhang 45 Minuten Berichterstattung in eigener Sache erlaubt, möchte man ihr nicht ankreiden. Allerdings ist es schon etwas absurd, sich ein mit Gebühren finanziertes Stück ansehen zu müssen, das ein derartiges Zerrbild der Lage zeichnet und die Kritiker der Sender monströs karikiert. Da ist von „Kampagnen-Machern“ die Rede, von einem Zeitungsverlegerverband, der „kämpft mit allen Mitteln“, von dem angeblichen Bestreben, dass ARD und ZDF „online nicht präsent sein sollen“ und von bösen Interessenvertretern, deren Motto laute: „Weg frei für das schnelle Geld mit billiger Medienware“.

Wir hätten von Thomas Leif bei der Gelegenheit gerne erfahren, wie man im Internet „das schnelle Geld“ macht, das ist bislang nämlich nur wenigen gelungen, deren Geschäft darin besteht, Inhalte zu kreieren und nicht bloß - wie Google - zu suchen und zu versetzen. Auch hätten wir gerne gewusst, was ein sich krümmender Kandidat aus der RTL-Show „Deutschland sucht den Superstar“ mit dem publizistischen Qualitätswettbewerb zu tun hat, den es im Internet längst gibt, so wie bei den Zeitungen und im Fernsehen auch.
Und was sollte die vermeintliche Enthüllung, dass bei Pro Sieben Sat.1 seit der Übernahme des Konzerns durch Finanzinvestoren brutal gespart wird, unter anderem nach Vorschlägen der Berater von McKinsey? Mit der Geschichte hätte Leif vor einem Jahr kommen können, nicht jetzt. Eine Lachnummer. Genauso abstrus war es, die Kritik des früheren Sat.1-Geschäftsführers Roger Schawinski aufzunehmen. Schawinski hatte in seinem Buch „Die TV Falle“ behauptet, dass die Landesmedienanstalt in Rheinland-Pfalz, die Sat.1 beaufsichtigt, durchaus darauf dringe, dass ein ganz bestimmter Fernsehproduzent aus diesem Bundesland Aufträge des Senders bekomme. Dafür werde bei manchen Konfliktfällen, etwa was Werbung oder Jugendschutz angeht, dann nicht so genau hingeschaut. Eine Hand wäscht die andere, nennt man ein solches Prinzip.
Das ist schon ein gutes Thema, allerdings ist es ein Witz, dass ausgerechnet der Ministerpräsident dieses Bundeslandes, Kurt Beck, bei dem SWR-Chefreporter Thomas Leif (beide haben ihren Dienstsitz in Mainz) allein als Lichtgestalt im Kampf für die „Inseln der Qualität“ auftaucht und eben nicht als der oberste Medien-Standortpolitiker seines Landes, als den ihn der ehemalige Sat.1-Geschäftsführer Schawinski in seinem Buch ausweist. Doch das wird von Leif glatt unterschlagen, anders hätte die Geschichte mit Sat.1 auch gar nicht in seinen Film gepasst.
Leif macht überhaupt alle und alles passend, die Chefs von „Spiegel Online“ genauso wie Ulrich Wickert. Nur bei Mercedes Bunz, der Chefredakteurin von „Tagesspiegel.de“ ist er auf Grund gelaufen. Die wollte das Interview mit ihm doch glatt noch einmal sehen und durchgehen. So etwas mache er nie, sagte Leif und ließ die Kamera weiterlaufen, wohl in dem Glauben, dass er somit sein Gegenüber lächerlich mache. Lächerlich aber wirkte er nur selbst. Und Mercedes Bunz tat gut daran, Leif mit Skepsis zu begegnen. Viele, die er als Stichwortgeber bemühte, werden sich wundern, in welchem Zusammenhang sie bei ihm erscheinen.
Die „Infiltration von Meinung“, sagte Leif zum Schluss etwas verquast, „hat durchaus eine Chance, sie beeinflusst die Politik“. Er meint damit selbstverständlich diejenigen, die ARD und ZDF im Internet nicht alles erlauben wollen und nicht die Öffentlich-Rechtlichen, die sich „bisher eher diplomatisch“ verhalten hätten. In diesem Punkt hat Leif, den wir mit diesem Stück unter anderem zur Weltmeisterschaft im Suggestivfragen beglückwünschen dürfen, sich blendend selbst widerlegt. Wie diplomatisch Äußerungen wie „Zensur“ und „Morgenthau-Plan“ sind, darüber lässt sich trefflich streiten. Und über die „Infiltration von Meinung“ auch. Am besten am Beispiel dieses Films.