30 Juni, 2006

Bahn-Börsengang: Verpatztes Agenda-Setting

--- Manches mal geht das politische Agenda-Setting mächtig nach hinten los. Wolfgang Tiefensee, Bundesverkehrsminister, durfte das gestern abend und heute erfahren. Da hatten sich die Verkehrsexperten der Fraktionen von CDU und SPD festgelegt, wie sie die Bahn privatisieren wollen: Das Schienennetz bleibt beim Bund, Die Bahn darf es per Vertrag weiter betreiben, die Transportunternehmen werden Investoren zu maximal 49 Prozent angeboten. Tiefensee, der immer wollte, dass die Bahn mit dem Schienenentz an die Börse geht, wollte sich dem Votum der Fraktionen anschließen, hatte das aber falsch verstanden. Die Süddeutsche Zeitung sprach mit dem Minister, schrieb einen Artikel und verkündete abends bereits über die Agenturen: "Die Bahn darf ihr Schienennetz behalten." Allerdings hatte auch die SZ den Minister nicht ganz verstanden, sind doch Besitz und Eigentum zwei grundverschiedene Dinge. Die Schlagzeile war dabei wichtiger, bot sie doch einen Konflikt zwischen Koalitionsparteien und Regierung. Flugs korrigierte das Ministerium und sagte, es sei falsch verstanden worden und stellte zuerst bei der Süddeutschen klar, was aber nur noch online möglich war, so dass der Fehler heute noch auf der Titelseite der SZ nachzulesen ist. Um 19.43 Uhr erfuhren auch die anderen Medien über Reuters, wie es richtig gewesen sein sollte: "Nach dem Votum von Union und SPD für eine Bahn-Privatisierung ohne Schienennetz lenkt nun auch die Bundesregierung auf diese Linie ein. Der Bund prüfe derzeit, wie er formal Eigentümer des Netzes bleiben, aber den Besitz daran der Bahn überschreiben könne, sagte Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee der „Süddeutschen Zeitung“ laut Vorbbericht vom Donnerstag. „Damit bleibt dieVerantwortung für den Netzzustand bei der Bahn.“ Dies entspricht im Kern dem so genannten Eigentumsmodell, das eine rechtlicheTrennung des Netzes bei enger Anbindung an die Bahn vorsieht. Auf diesen Weg haben sich Union und SPD festgelegt." Wie das politische Spiel am Ende ausgeht, ist noch völlig offen - auf die Details kommt es an. Die Opposition jedenfalls spottet: "Tiefensee hat die Beschlüsse seiner eigenen Koalitionsfraktionen nicht begriffen. Die Bahn bekommt den Besitz am Netz eben nicht dauerhaft übertragen, sondern darf es lediglich vorerst weiter bewirtschaften. Entscheidend ist, dass das Netz nicht integriert privatisiert wird, sonden die Option der Trennung erhalten bleibt", sagt Horst Friedrich, FDP-Verkehrspexperte. Heute gibt Tiefensee um 12.30 eine Pressekonferenz und stellt da wohl noch einmal alles richtig. Diskussion im FORUM.

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27 Juni, 2006

Vierte Macht im Staate oder Vermittler?

--- Heute findet sich ein äußerst lesenswerter Artikel im Handelsblatt mit dem Titel: "Reden wir über uns!". Frank A. Meyer, Journalist im Schweizer Ringier Verlag, geht dabei der Frage nach, was wir Journalisten für eine Aufgabe haben und wie sich demgegenüber das Selbstverständnis geändert hat. "Noch nie habe ich dieses neue journalistische Selbstverständnis so unverhüllt erlebt wie jetzt gerade in Deutschland. Vierzig Jahre lang betrieb ich meinen Beruf im Bemühen, als politischer Journalist dem Begriff Medium gerecht zu werden. Das heißt: Vermittler zu sein von Meinungen und Stimmungen und Nöten und Freuden. Auch betrieb ich mein Metier im Bewusstsein, nur eine Stimme zu sein unter vielen Stimmen. Schließlich war ich stolz darauf, dass mein Berufsstand mit all den eigensinnigen und eigenständigen Kollegen die Vermittlerrolle wahrnahm zwischen den verschiedenen Kräften der Gesellschaft, zwischen den verschiedenen Strömungen der Gesellschaft, vor allem zwischen den Bürgern unterschiedlichster kultureller und sozialer Herkunft. Auch hier bin ich irritiert, sogar befremdet: Da diese neu erwachte Medienmacht gegenwärtig ungehalten ist, überlegt sie sich – anders kann ich es nicht lesen –, ob sie der gewählten Regierung ihre Gunst entziehen will oder nicht. Wie ich es verstehe, kann sich die Regierung auch bessern, indem sie den Medien liefert, was diese fordern, nämlich Hauskrach und Spektakel."
Harter Tobak von einem, der uns Deutsche beobachtet. Seine These: Alles und alle müssen sich den Medien unterordnen. Zu fragen ist aber - und das tut Meyer - wer wen wie beinflusst und ob nicht die Gegenseite auch ihrerseits alles unternimmt, um mediengerecht daherzukommen. Meyer: "Die mächtige, die unbeirrbare, die dogmatisch immer noch so gefestigte katholische Kirche hat erfahren müssen, dass die Medien die größere Macht sind als der Vatikan. Sie erinnern sich an das quälend langsame Sterben des Papstes Johannes Paul II. Sie haben das Bild noch vor Augen, wie er moribund am Fenster sitzt, einen Ölzweig hilflos in der zitternden Hand, den Mund aufgerissen, das Gesicht verzweifelt, der Stimme beraubt. Showtime mit einem Sterbenden. Können wir uns darauf hinausreden, dass der Vatikan diese Inszenierung seinerseits betrieben habe? Der Vatikan hat sich den Anforderungen des Medienzeitalters angepasst. Er hat sogar Rituale angepasst. Das Beispiel: Seit Jahrhunderten pflegt der Vatikan, die Tore zu schließen, wenn der Papst tot ist. Auch diesmal wurde das Tor geschlossen. Doch durch die Hintertür bat die Kurie eilfertig das Fernsehen an den Sarg. Auch der tote Papst hatte dem Anspruch der medial total vernetzten Weltgesellschaft zu genügen."
Total und totalitär, so Meyer, lägen nicht weit auseinander. Meyer klagt, die Medien verkämen zu einer Kaste. Kerner, Beckmann und andere: Alle geben sich für Werbung her und das als Journalisten! Zeitungen krisieren sich nicht mehr sondern versinken im Mainstream, interviewen sich gegenseitig, um so Einzelnen von uns zu Stars zu erheben. Ja, und wer arbeitet da noch richtig als Journalist? Meyer: "So hat sich der Beruf verändert, den ich in den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts erlernte. Es war damals ein Laufberuf. Ich fuhr zu den Politikern, von denen ich etwas wissen wollte, zu den Beamten, Unternehmern, Künstlern, Forschern. Ich lebte journalistisch von Begegnungen, von sinnlichen Eindrücken, von Gesichtern, die meine Recherchearbeit begleiteten. Ich eilte zu Versammlungen und Protestmärschen. Es war ein ununterbrochenes Kennenlernen anderer Menschen.
Wie gestaltet sich der journalistische Alltag heute? Ich sehe sie gebannt am Laptop sitzen. Sie rufen ab, was andere schon formuliert haben. Sie schreiben Geschichten, die sie aus anderen, vorgeformten Geschichten im Netz verfertigen. Sie zeichnen Porträts aus biografischen Versatzstücken und Gerüchten, wie sie im Internet in Unzahl zu finden sind. So werden Vorurteile und Falschurteile, Unwahrheiten und Unterstellungen über Menschen nicht nur konserviert, sondern auch regelmäßig neu aufbereitet. Oft sind es vernichtende Bilder, die so gezeichnet werden, in der Regel sind es Bilder voller Häme. Häme hat sich ja mittlerweile durchgesetzt als Stilersatz – Muckefuck statt Kaffee. Am Bildschirm lässt es sich sehr bequem über Politiker oder Unternehmer journalistisch zu Gericht sitzen. Man begegnet den Opfern nur noch selten. Richter sollten für einige Monate ins Gefängnis gesteckt werden, bevor sie richten dürfen. Dann wüssten sie, was sie tun. Und Journalisten sollten einer Kampagne von Kollegen ausgesetzt werden. Dann wüssten sie, was sie anrichten können. Mehr und mehr lebt unser Berufsstand vom Copy & Paste. Die Journalisten kopieren sich fortwährend selbst. Seit Jahren schon. Und wie es aussieht, auch in Zukunft. Ja, so viele – allzu viele – Journalisten verlernen es, fiebernd vor Spannung hinauszugehen und nachzusehen, bevor sie schreiben."

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26 Juni, 2006

Springer, Fußball-WM und Pressefreiheit

--- In den vergangenen Wochen ist einiges beim Springer-Verlag passiert. Über die Fusionspläne haben wir schon berichtet, jetzt, da es konkret wird, schlagen die Gewerkschafter Alarm. Der DJV schreibt in einer Pressemitteilung: "Axel Springer muss Stellen und Meinungsvielfalt erhaltenDer DJV fordert von den Verantwortlichen des Axel Springer-Konzerns, den zunehmenden Trend, Redaktionen zusammenzulegen, umgehend zu beenden. Die Axel Springer AG hatte heute verkündet, dass Welt, Welt am Sonntag, Welt kompakt und Berliner Morgenpost Gesamtressortleiter in den Ressorts Politik und Wirtschaft erhalten. "Wenn vier Zeitungen in den zentralen Ressorts gemeinsame Ressortleiter haben, stehen die Presse- und Meinungsvielfalt sowie Arbeitsplätze auf dem Spiel", kritisierte DJV-Bundesvorsitzender Michael Konken die Entwicklungen bei Springer. Erst kürzlich hatte der Verlag einen gemeinsamen Newsroom für die vier Titel und Welt Online angekündigt und eine gemeinsame Chefredakteursrunde gegründet.Werde dieser Trend nicht gestoppt, würden sich die Blätter irgendwann nur noch im Layout unterscheiden. Konken: "Dafür aber werden weniger Mitarbeiter benötigt als bisher, Personalabbau wird die Folge sein. Und den Zeitungslesern wird statt Meinungsvielfalt zunehmende Meinungseinfalt geboten." Die Axel Springer AG habe aus wirtschaftlicher Sicht ein solches Vorgehen nicht nötig. Der DJV fordert deshalb von den Verantwortlichen, die Politik- und Wirtschaftsressorts der Zeitungen nicht zusammenzulegen und solche Vorhaben auch für die Zukunft ad acta zu legen."
Tja, da treffen Ethik und wirtschaftliche Interessen aufeinander. Klar ist, Springer muss vor allem bei der Welt aus den roten Zahlen kommen, sonst sieht die Zukunft des Titels düster aus und damit auch die Arbeitsplätze.

Und ansonsten:
** Burda ist weiterhin Vorsitzender des VDV. Er wurde ohne Gegenkandidat bestätigt.

** Der DJV regt sich über die Akkreditierungsbedingungen für Journalisten bei der WM auf: "Der DJV protestiert gegen Akkreditierungbedingungen, die einen Abgleich der persönlichen Daten mit polizeilichen Dateien und Informationssystemen der Nachrichtendienste voraussetzen. Nach der Akkreditierung zur Fußball WM müssen die Journalisten einer solchen Zuverlässigkeitsüberprüfung aktuell auch bei ihrem Akkreditierungsantrag für den im September anstehenden Papstbesuch in Bayern zustimmen." Der Verband spricht von "Knebelkonditionen. Entweder sie stimmen der Datenüberprüfung zu oder sie dürfen nicht berichten. Das kommt quasi einem Berufsverbot gleich. Diese Entwicklung muss umgehend gestoppt werden", fordert Konken." In Zeiten des Terrors ist das wohl kaum zu vermeiden.

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06 Juni, 2006

Ferien

--- Wir machen Ferien bis zum 26. Juni. Bis dahin viel Spaß im Forum!

01 Juni, 2006

Ringier: Kaufrausch mit Schröder

.--- Zur Zeit lohnt es sich, genau zuzuhören, wenn sich Verleger zu Wort melden. Heute lauschen wir Michael Ringier, Verleger aus der Schweiz mit Drang ins Ausland (zum Verlag zählen unter anderem die Schweizerische Boulevardzeitung Blick, die Schweizer Illustrierte, in Deutschland Cicero und Monopol). Rignier sprach auf dem Kommunikationskongress in Hamburg, wie die SZ heute berichtet. Seine Botschaft: Er will Zeitungen in Deutschland kaufen. Die FR wäre zu haben, konkret wurde er aber nicht. Dafür setzt er neben Osteuropa auch auf Asien, dort solle Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder, Berater von Ringier, der Türöffner sein. Eine Frauenzeitschrift in Shanghai soll es werden. Ringier ist auch auf dem Gratiszeitungsmarkt in der Schweiz aktiv, der dort boomt. Künftig sollen das Blatt Cash auch als E-Paper verfügbar sein. Rund um dieses Produkt will er alle Medien nutzen, inklusive Internet und TV.

Und ansonsten: Dienstagabend fand die CDU-Media Night im Konrad-Adenauer-Haus statt. Auf dem Podium schlugen sich Michael Maier, Chefredakteur der Netzeitung und Nico Lumma, Betreiber des Portals Blogg.de, obendrein noch Jan Bayer, Verlagsleiter der Süddeutschen Zeitung, welches Medium denn nun das der Zukunft sein wird. Anstatt gemeinsame Chancen zu sehen, artete die Debatte in einem unsäglichen Duell "Wer ist der bessere" aus, was besonders auf Lumma zutrifft. Überraschend war da doch, dass gerade der Verlagsleiter Bayer und obendrein noch Michael Ramstetter als PR-Chef das ADAC eine Lanze für die Journalisten und deren Zukunft als Berufsstand brachen. Wenn auch die Medienformen sich ändern würden, so sei doch weiter die journalistische Qualität sehr wichtig, ganz gleich, wie viel sich nun im Internet an Privatmeinungen Platz bahnen würden. Das kann natürlich einem Chef von Blogg.de nicht passen, aber auch Maier bestätigte, dass bei der Netzeitung die eigen recherchierten Geschichten die am meisten gelesenen seien. Er plant eine User-Zeitung von Usern, für die sich 2000 User binnen 14 Tagen angemeldet hätten. Dass Journalismus aber schwierig ist, zeigt Wiki News. Der Wikipedia-Ableger läuft eher schleppend, so dass der Beruf des Journalisten vermutlich doch noch eine ganze Weile überleben, ja vielleicht sogar im Chaos der Info-Flut wieder wichtiger werden wird. Es gielt halt doch das Rieplsche Gesetz, wie es Springer-Chef, Mathias Döpfner, ins Gespräch gebracht hat.

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